Britische Ärzte berichten, dass der Wirkstoff Dexamethason die Überlebenschancen von Menschen mit einem sehr schweren Covid-19-Verlauf deutlich erhöht. Was das für ein Medikament ist, was die Nachricht für die Behandlung insgesamt bedeuten könnte, was wir noch nicht wissen: der Überblick. Was ist Dexamethason und wie wirkt es grundsätzlich?Dexamethason ist ein schon seit Jahrzehnten in der Medizin eingesetzter Wirkstoff. Es handelt sich um ein sogenanntes synthetisches Glucocorticoid, umgangssprachlich oft einfach Kortison genannt. Es hemmt Entzündungen und schwächt die Immunreaktion des Körpers. Dexamethason wird bei einer Reihe verschiedener Beschwerden gegeben, dazu zählen rheumatische Erkrankungen, bestimmte Hautkrankheiten und akute Asthmaanfälle. Zudem kann der Wirkstoff im Rahmen einer Krebstherapie verwendet werden, weil er durch seine anti-entzündliche Wirkung dazu beitragen kann, dass Schwellungen um einen Hirntumor zurückgehen. Glucocorticoide sind in der Nebennierenrinde produzierte Hormone, die zahlreiche Prozesse im Körper steuern oder beeinflussen. Synthetische Glucocorticoide sind ungleich stärker, der Immunsystem dämpfende und anti-entzündliche Effekt von Dexamethason ist rund 30-mal so stark wie der des körpereigenen Cortisols. Unter anderem unterdrückt der Wirkstoff die Wanderung bestimmter Immunzellen im Körper.Welche Nebenwirkungen sind bekannt?Insbesondere bei hohen Dosierungen und langer Einnahme können synthetische Glucocorticoide schwere Nebenwirkungen auslösen, weshalb Kortison zum Teil einen schlechten Ruf hat. Glucocorticoide werden je nach Anwendung als Spritze, Tablette, Creme oder Nasenspray verabreicht. Dexamethason kann unter anderem Schlafstörungen, Akne, Verdauungsprobleme und Depressionen auslösen. Bei Patienten auf der Intensivstation bereitet Ärzte vor allem Sorge, dass Dexamethason durch seine immunschwächende Wirkung die Anfälligkeit für Infektionen erhöht.Wie könnte Dexamethason bei Covid-19 helfen?Bei schweren Covid-19-Verläufen ist die Überreaktion des Immunsystems ein grundlegendes Problem. Manche Betroffene entwickeln einen sogenannten Zytokin-Sturm: Das Immunsystem schaukelt sich dabei in eine lebensgefährliche Überreaktion hoch. Ein Ansatzpunkt gegen die Krankheit ist deshalb, diese Überreaktion anzugehen, anstatt das Virus direkt anzugreifen. Das könnte Dexamethason leisten. Was berichten die britischen Forscher genau?Laut einer Pressemitteilung der Oxford University senkt Dexamethason die Zahl der Todesfälle unter beatmeten Patientinnen und Patienten um ein Drittel. Bei Erkrankten, die Sauerstoff erhielten, sank sie demnach um ein Fünftel. Wer keinen Sauerstoff benötigte, der profitierte von Dexamethason hingegen nicht.Basierend auf diesen Zahlen schreibt das Team, dass ein Todesfall verhindert werden könnte, wenn acht beatmete Patienten Dexamethason erhalten. Ebenso würde durch die Gabe des Mittels an 25 Patienten, die eine Sauerstofftherapie bekommen, ein Todesfall verhindert. “Für weniger als 50 Pfund (rund 56 Euro) könnte man acht Patienten behandeln und ein Leben retten”, sagte der am sogenannten Recovery-Trial beteiligte Forscher Martin Landray dem Wissenschaftsmagazin “Nature”.Wichtig ist allerdings auch, was die Forscher (noch) nicht sagen: Sie haben bislang nur die Pressemitteilung veröffentlicht, es fehlen also viele wichtige Informationen, darunter genaue Informationen zu den Nebenwirkungen. Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können nur auf Basis der Mitteilung nicht herausfinden, ob die Studie beziehungsweise die Datenauswertung Schwächen hat, durch die das zunächst großartig klingende Ergebnis anders bewertet werden müsste.Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach dennoch schon von einem Durchbruch.Was bedeutet die Nachricht für die Covid-19-Therapie?Bisher liegt nur die Pressemitteilung vor. Die Details wollen die Autoren so schnell wie möglich veröffentlichen, heißt es. Ob Ärztinnen und Ärzte Behandlungen nur aufgrund einer Pressemitteilung umstellen sollten, ist sehr fraglich.Der Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat die aktuellen “Empfehlungen zur intensivmedizinischen Therapie von Patienten mit Covid-19” mit erarbeitet. Die Leitlinien-Gruppe habe kontrovers diskutiert, ob sie die Empfehlungen umgehend aktualisieren müsse – und sich dagegen entschieden. “Nur auf Basis einer Pressemitteilung lässt sich die Arbeit nicht beurteilen. Wir brauchen die vollständige, publizierte Studie, um Nutzen und Risiken von Dexamethason für Covid-19-Patienten bewerten zu können”, sagt Kluge. Ihn erstaunt es, dass die WHO schon von einem Durchbruch spricht.Bisher werde Kortison bei schwerem Lungenversagen, das nicht auf einer Sars-CoV-2-Infektion beruht, nicht routinemäßig gegeben. Die Datenlage ist laut Kluge widersprüchlich. Ärzte müssen also im Einzelfall den möglichen Nutzen, nämlich das Dämpfen der überschießenden Immunreaktion, gegen den möglichen Schaden, vor allem die höhere Infektanfälligkeit, abwägen.Ändert sich etwas für mild Erkrankte oder Menschen, die sich vor einer Infektion schützen wollen?Eine Einschränkung ist schon bekannt: Dexamethason wurde im Rahmen der Studie nur Patienten im Krankenhaus gegeben. Laut der bekannten Ergebnisse half es jenen am meisten, die am schwersten krank waren. Patienten, die weder Sauerstoff noch eine Beatmung benötigten, profitierten nicht von der Einnahme. Daraus lässt sich ableiten, dass Sars-CoV-2-Infizierte mit noch milderen Symptomen, die nicht ins Krankenhaus müssen, den Wirkstoff nicht nehmen sollten. Weil Dexamethason das Immunsystem dämpft, könnte ihnen die Einnahme sogar bei der Bewältigung der Infektion schaden. Auch schützt das Mittel sicher keine Gesunden vor einer Ansteckung mit dem Virus.Es ist also auf keinen Fall ein Durchbruch bei der Eindämmung der Krankheit. Ob es ein Durchbruch bei der Behandlung Schwerkranker ist, zeigt sich hoffentlich, wenn die vollständigen Daten veröffentlicht sind. Icon: Der Spiegel
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