Betroffene Wohneinheit in Neukölln: Die Schwächsten sind am härtesten betroffen Wolfgang Kumm/ dpa Mindestens 70 Menschen sind infiziert, viele Hundert weitere dürfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen: Im Berliner Bezirk Neukölln hat sich das Coronavirus in sieben Wohnblöcken offenbar rasant ausgebreitet. Wie konnte es dazu kommen? In den betroffenen Häusern leben vor allem ärmere Menschen mit geringerer Bildung. Die neue Corona-Warn-App helfe in solchen Fällen eher nicht, sagte der Leiter des Gesundheitsamts Reinickendorf, Patrick Larscheid, im RBB-Inforadio – sie sei ein “Spielzeug für die digitale Oberschicht”.Die Behörden greifen in den Häusern nun durch, bieten den Menschen aber auch Unterstützung an. Im Interview schildert Bezirksbürgermeister Martin Hikel, wie der Corona-Ausbruch auffiel – und warum die Bewohner in den Häusern von der Quarantäne besonders hart getroffen sind. Martin Hikel, Jahrgang 1986, ist seit 2018 Bezirksbürgermeister in Berlin-Neukölln. Zuvor arbeitete der gebürtige Berliner an der John-F.-Kennedy-Schule als Politik- und Mathelehrer und war Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung. SPIEGEL: Hunderte Menschen sind in Quarantäne, Dutzende erkrankt: Der Corona-Ausbruch in Neukölln hat inzwischen bedenkliche Ausmaße. Muss man sich Sorgen machen, Herr Hikel? Hikel: Mich besorgt es jedenfalls sehr, dass wir in relativ kurzer Zeit so viele Neuinfektionen haben. Und noch wissen wir nicht, wo das Ende der Fahnenstange ist.SPIEGEL: In Neukölln sind mehrere Wohnblöcke betroffen – aber es könnte auch Verbindungen in andere Stadtteile geben, oder?Hikel: Das ist noch nicht final geklärt, wir gehen dem nach. Im Moment geht es darum, in 13 Treppenaufgängen von insgesamt sieben Wohnhäusern Abstriche zu machen. Wir geben natürlich alle relevanten Informationen an die Behörden in anderen Stadtteilen und an die Senatsverwaltung weiter.SPIEGEL: Wie kam es denn überhaupt zu dem Ausbruch? Hikel: Wir sind bei einer Testreihe an Schulen auf infizierte Schülerinnen und Schüler gestoßen. Die besuchten zwar unterschiedliche Schulen, hatten aber die gleichen Wohnadressen. So sind wir über Querverbindungen zu den Standorten gekommen, die jetzt im Fokus stehen. Hinweise gibt es auf eine christliche Gemeinde, auch der Gemeindepfarrer ist infiziert. Wolfgang Kumm/ dpa SPIEGEL: Hat der Pfarrer in seiner Gemeinde das Virus verbreitet?Hikel: Das wissen wir nicht – es könnte auch bei einem Gespräch auf dem Flur oder bei einem Picknick passiert sein. Alles Spekulation. Wir werden dem nachgehen, aber im Moment geht es erst mal um die Eindämmung und Nachverfolgung von Infektionsketten. SPIEGEL: Wer sind denn die Betroffenen?Hikel: Die Menschen in den Wohnblöcken leben oft in äußerst beengten Verhältnissen, da verbreitet sich ein solches Virus schnell. Wo sich acht oder zehn Menschen eine Dreizimmerwohnung teilen, kann man sich natürlich kaum aus dem Weg gehen. Und manche der Infizierten haben auch andere Leute außerhalb ihrer Wohnungen getroffen – das macht die Sache besonders brisant.SPIEGEL: Bei vielen der Infizierten handelt es sich also um arme Menschen?Hikel: Das sind Leute, die sich keine große Wohnung leisten können. Viele stecken in prekären Arbeitsverhältnissen, da geht das Geld zum Monatsende schon mal aus. Ausgerechnet die Schwächsten der Gesellschaft trifft es offenbar am härtesten: Diejenigen, die nun in Quarantäne müssen, kämpfen ohnehin schon jeden Tag darum, über die Runden zu kommen. Für diese Menschen ist das eine Katastrophe. “Das Risiko von Quarantänebrechern ist jetzt in Neukölln nicht größer als in anderen Fällen” SPIEGEL: Wie wird ihnen geholfen?Hikel: Wir sind unter anderem mit Sozialarbeiterinnen und Sprachmittlern vor Ort. Vielen müssen wir erst mal klarmachen, worum es gerade geht und weshalb die Maßnahmen der Behörden wichtig sind. Momentan hält sich die Disziplin grundsätzlich in Grenzen, weil die Pandemie hierzulande ja im Griff zu sein scheint. Da ist das Verständnis nicht besonders groß, wenn viele Menschen in Quarantäne gesetzt werden. Wir helfen den Leuten aber auch ganz praktisch.SPIEGEL: Womit?Hikel: Wir stellen ihnen Carepakete zur Verfügung, also Lieferungen mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Es gibt auch Ehrenamtliche, die für die Menschen einkaufen gehen. Wer in Quarantäne ist, kann ja nicht vor die Tür gehen. Und vorbereiten konnte sich auf diese Situation niemand.SPIEGEL: Lässt sich denn überprüfen, ob die Leute sich an die Quarantäneregeln halten?Hikel: Wir vermitteln den Betroffenen deshalb ja, warum wir das alles machen – damit sie verstehen, dass wir das nicht aus Jux und Dollerei tun. Ich glaube auch, dass die soziale Kontrolle funktioniert. Das Risiko von Quarantänebrechern ist jetzt in Neukölln nicht größer als in anderen Fällen. SPIEGEL: Was ist denn das für ein Viertel?Hikel: Ein buntes. Da leben Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund – also neben Deutschen gibt es etwa Migranten aus Rumänien oder der Türkei. Im Grunde ist das eine vergleichbare Mischung wie im Rest von Neukölln, wobei das für uns gerade alles ziemlich unerheblich ist.SPIEGEL: Hätte man diesen Ausbruch früher eindämmen können, haben die Behörden angemessen reagiert?Hikel: Besser geht’s immer, keine Frage. Aber das Gesundheitsamt hat sehr schnell entschlossen, die Häuser unter Quarantäne zu stellen. Auch die Unterstützungsstrukturen für die Betroffenen sind rasch entstanden – vor allem gemessen daran, dass wir solch eine Situation ja noch nie hatten.SPIEGEL: Welche Lehren lassen sich daraus ziehen?Hikel: Viele Menschen werden unvorsichtiger, setzen sich etwa ohne Maske in die U-Bahn. In Neukölln zeigt sich aber gerade, dass die Pandemie äußerst ernst zu nehmen ist. Es ist nicht vorbei, dieses Virus ist immer noch hochansteckend. Icon: Der Spiegel
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